Warum Zusammenarbeit über Erfolg oder Scheitern entscheidet
Laut dem Global CPO Survey 2025 von Deloitte sehen über 56 Prozent der Führungskräfte im Einkauf siloartige Arbeitsweisen als eine der drei größten Barrieren für Wertschöpfung und Resilienz in der Lieferkette. Eine Zahl direkt aus der Supply-Chain-Praxis, die genau das bestätigt, was sich über eine ganze Staffel an Gesprächen zu Supply Chain Security immer wieder gezeigt hat: Sicherheit entsteht nicht an der stärksten Stelle, sondern dort, wo mindestens zwei Zuständigkeiten aufeinandertreffen und sich niemand verantwortlich fühlt.
Wissen steckt in Köpfen, nicht in Prozessen
Es scheitert selten am fehlenden Wissen. Die IT weiß, wo es klemmt. Der Prozessverantwortliche weiß, wo es schwierig wird. Die Geschäftsführung sieht es spätestens in den Zahlen. Das Problem ist, dass dieses Wissen an einzelne Köpfe gebunden bleibt, statt in Prozessen verankert zu sein. Verlässt eine Person das Unternehmen, verschwindet damit oft auch das Wissen über eine kritische Schnittstelle.
Genau hier zeigt sich der rote Faden, der sich durch Mandatsfragen, Sensorik und Compliance gleichermaßen zieht. Es sind keine drei getrennten Themen, sondern drei Blickwinkel auf dasselbe Problem. Wer Sicherheit, Prozesse und Digitalisierung getrennt bearbeitet, zahlt am Ende dreimal für die Lösung desselben Themas.
Messen ist nicht Deuten
Ein Tor, das geschlossen ist, liefert einen Zustand. Auf oder zu. Das ist die reine Messung. Wertvoll wird ein Sensor erst, wenn aus diesem Zustand eine Aussage über den Prozess wird, wenn also klar ist, was dieser Zustand für die nachgelagerten Schritte bedeutet. Diese Unterscheidung zwischen Messen und Deuten gilt nicht nur für Sensorik, sondern für Sicherheit, Prozesse und Digitalisierung gleichermaßen. Wer nur misst, sammelt Daten. Wer deutet, trifft Entscheidungen.
Das gilt auch für den Einsatz von KI. Sie kann Zustände auswerten, Muster erkennen, Vorschläge liefern, aber die Entscheidung, was daraus wird, bleibt beim Menschen. Wird ein schlechter Prozess digitalisiert, entsteht ein schlecht digitalisierter Prozess. Sind die Daten schlecht, bleiben die Auswertungen schlecht, ganz gleich, wie leistungsfähig das Werkzeug dahinter ist.
Warum Budget nicht der erste Hebel ist
Ein wiederkehrender Denkfehler, Sicherheit, Prozesse und Digitalisierung werden zuerst als Budgetfrage betrachtet. Wird ein Thema von Anfang an als große, einmalige Investition gedacht, entsteht schnell Zurückhaltung, weil die Summe abschreckt, bevor der Nutzen sichtbar ist.
Sinnvoller ist ein agiles Vorgehen. Kleinere Schritte, jeweils mit klarem Erwartungswert, regelmäßig gegen den tatsächlichen Fortschritt geprüft. Läuft ein Prozess früher stabil als geplant, ist das kein Scheitern, sondern ein Erfolg, der Budget für den nächsten Schritt freisetzt. Läuft es langsamer, wird nachgeschärft, statt stur am ursprünglichen Plan festzuhalten. So verteilt sich eine große Investition auf mehrere Zyklen und wird für ein Unternehmen deutlich planbarer, als sie es als einmaliger Kraftakt je wäre.
Wo genau treffen in Ihrem Unternehmen zwei Zuständigkeiten aufeinander, ohne dass jemand den Hut dafür aufhat? Genau an diesen Übergabepunkten entstehen die größten Lücken, und genau dort lohnt sich der erste Blick, bevor über Budget oder neue Technik gesprochen wird.
1. Ist-Zustand ehrlich klären
Alle relevanten Bereiche an einen Tisch holen und offen benennen, was heute funktioniert und was nicht. Diese Klarheit kostet nichts, deckt aber zuverlässig auf, wo es hakt.
2. Übergabepunkte identifizieren
Schnittstellen in den Blick nehmen, an denen zwei oder mehr Zuständigkeiten aufeinandertreffen. Oft reicht es, diese Stellen einmal bewusst zu benennen, um Verantwortlichkeit zu schaffen, wo bisher keine war.
3. Mandate klären
Wer darf über Silo-Grenzen hinweg tatsächlich Entscheidungen treffen und Maßnahmen anstoßen? Ohne eine klare Antwort bleibt jede Roadmap graue Theorie.
4. Roadmap statt Sofortinvestition
Eine Entwicklung über mehrere Zyklen planen, mit überprüfbaren Zwischenzielen, statt eine einmalige große Summe zu budgetieren. So bleibt das Vorgehen anpassungsfähig, und Fortschritt wird sichtbar, lange bevor das große Ziel erreicht ist.
Fazit:
Der erste Schritt kostet kein Vermögen. Die wirksamsten Empfehlungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln, von Mandatsfragen über Sensorik bis Compliance, laufen auf dasselbe hinaus. Es braucht kein großes Budget, um von einem unklaren Zustand zu einem deutlich klareren zu kommen, sondern vor allem ein offenes Auge für die Stellen, an denen bisher niemand hingeschaut hat.
Quelle: Podcast „Logistik aus der Praxis“, Staffel „Supply Chain Security“, Episode 5 mit Henrik Schneider, Michael Buck und Thomas Kunz
