Sicherheit ohne Silogrenzen
Ein Techniker im Blaumann fährt aufs Werksgelände, meldet eine offizielle Wartung an und lässt beim Arbeiten am Trafo unauffällig einen Schraubenzieher an der richtigen Stelle fallen. Kein Hackerangriff, kein aufwendiges Eindringen ins Netzwerk und trotzdem kann ein ganzer Betrieb lahmgelegt werden.
Szenarien wie dieses zeigen: Supply Chain Security beginnt nicht erst bei der Firewall. Sie beginnt am Werkstor, auf dem Betriebsgelände und überall dort, wo physische und digitale Sicherheit aufeinandertreffen.
Das Problem: Sicherheit wird in Silos gedacht
In vielen Unternehmen ist die Verantwortung für Sicherheit klar aufgeteilt: Die IT kümmert sich um Netzwerke und Daten, der Werkschutz um Zutritt und Gelände, die Logistik um reibungslose Prozesse. Jeder Bereich funktioniert für sich. Doch genau an den Schnittstellen zwischen diesen Silos entstehen die größten Lücken.
Ein Satz aus der Praxis bringt es auf den Punkt: Sicherheit entsteht nicht an der stärksten Stelle, sondern dort, wo mindestens zwei Zuständigkeiten aufeinandertreffen und sich niemand verantwortlich fühlt. Die IT sichert ihr Netzwerk hervorragend ab, der Werkschutz kontrolliert den Zaun… Aber wer schaut auf die Übergänge dazwischen?
Beispiele aus der Praxis: Wo die Lücken wirklich liegen
Wie leicht sich vermeintlich gesicherte Systeme umgehen lassen, zeigt eine Anekdote aus der Beratungspraxis: Stundenlang wurde diskutiert, wie eine Netzwerkdose an einem Außenmast bestmöglich abgesichert werden kann. Im selben Gebäude befand sich unterdessen ein ganz gewöhnlicher Besprechungsraum, mit einer Netzwerkdose, die niemand auf dem Schirm hatte. Ein einfaches Kabel hätte gereicht, um Zugriff auf das interne Netzwerk zu erhalten.
Auch der eingangs beschriebene Trafo-Zwischenfall macht deutlich: Wer nur an Firewalls und Verschlüsselung denkt, aber physische Zugänge, Wartungsarbeiten und Lieferantenverkehr außer Acht lässt, hat nur einen Teil des Risikos im Blick. Cybersicherheit und physische Sicherheit sind keine getrennten Disziplinen, sondern zwei Seiten derselben Medaille.
Warum reine Cybersicherheit nicht ausreicht
Viele Unternehmen haben in den vergangenen Jahren spürbar in Cybersicherheit investiert, etwa in Firewalls, Zugriffsrechte oder Mitarbeiterschulungen zu Phishing. Das ist richtig und notwendig. Doch die Praxis zeigt ein Angreifer muss ein gut gesichertes Netzwerk gar nicht erst hacken, wenn er physisch ins Gebäude gelangt und dort auf eine ungesicherte Netzwerkdose trifft. Genauso funktioniert es andersherum. Eine Zutrittskontrolle am Werkstor bringt wenig, wenn interne Wartungsarbeiten an kritischer Infrastruktur wie Trafostationen oder Serverräumen nicht dokumentiert und überwacht werden. Sicherheit ist deshalb kein Nebeneinander einzelner Maßnahmen, sondern ein Zusammenspiel, das nur funktioniert, wenn physische und digitale Schutzmechanismen aufeinander abgestimmt sind.
Wo fängt man an, wenn plötzlich alle zuständig sind und doch niemand?
Die Antwort liegt näher, als man denkt. Nicht bei einem neuen Budget, sondern bei einer ehrlichen Bestandsaufnahme.
1. Gemeinsame Standortbegehung durchführen
Verantwortliche aus IT, Werkschutz, Logistik und Facility Management gehen gemeinsam die kritischen Schnittstellen ab. Zufahrten, Lieferanteneingänge, Serverräume, Trafostationen. An jedem Übergabepunkt wird gefragt: Was passiert, wenn dieses System ausfällt oder hier jemand unautorisiert eindringt?
2. Zuständigkeiten klar benennen
Häufig zeigt sich bei solchen Begehungen, dass niemand konkret für bestimmte Bereiche verantwortlich ist. Diese Lücken zu identifizieren und zu schließen ist oft wichtiger als jede neue Technologie.
3. Vorhandene Systeme prüfen, bevor investiert wird
Viele Unternehmen verfügen bereits über Kameras, Zutrittskontrollen oder Sensorik, nur eben isoliert und ohne prozessuale Verknüpfung. Der erste sinnvolle Schritt ist oft nicht die Neuanschaffung, sondern die bessere Vernetzung des Bestehenden.
4. Klarheit vor Bewertung
Eine Ist-Aufnahme sollte zunächst wertfrei erfolgen. Was ist vorhanden, was funktioniert, wo gibt es Wissen nur in einzelnen Köpfen statt in dokumentierten Prozessen? Erst danach lässt sich sinnvoll priorisieren.
Was das für Verantwortliche bedeutet
Wenn Sicherheit funktionsübergreifend gedacht werden muss, stellt sich zwangsläufig die Frage nach dem Verantwortlichen. Wer darf über Silo-Grenzen hinweg Entscheidungen treffen und Maßnahmen anstoßen? In vielen Unternehmen ist diese Zuständigkeit nicht klar geregelt. Sicherheit wird zwar überall mitgedacht, aber niemand hat den vollständigen Überblick.
Genau hier zeigt sich, warum Supply Chain Security auf Führungsebene verankert sein sollte. Nicht, weil jedes Detail von der Geschäftsführung selbst umgesetzt werden muss, sondern weil nur von dort aus Silos verbindlich zusammengeführt werden können. Wird Sicherheit dagegen ausschließlich der IT-Abteilung zugeordnet, fehlt häufig die Reichweite, um physische Prozesse in Logistik, Werkschutz oder Facility Management mit einzubeziehen.
Fazit: Sicherheit ist Teamarbeit und Chefsache
Supply Chain Security lässt sich nicht an eine einzelne Abteilung delegieren. Sie funktioniert nur, wenn IT, physische Sicherheit und Prozessverantwortliche an einem Tisch sitzen und gemeinsam Verantwortung übernehmen. Genau das macht sie zur Führungsaufgabe. Jemand muss den Überblick über alle Bereiche behalten und die Silos aktiv miteinander verbinden.
Mit viGuard lassen sich genau diese Schnittstellen digital abbilden von der Zutrittskontrolle über die Dokumentation von Wartungsarbeiten bis zur Steuerung von Toren und Schranken. So entsteht aus einzelnen, isolierten Sicherheitsmaßnahmen ein zusammenhängendes Gesamtbild, das Unternehmen dabei unterstützt, genau die Lücken zu schließen, die zwischen den klassischen Zuständigkeiten entstehen.
Quelle: Podcast „Logistik aus der Praxis“, Staffel „Supply Chain Security“, Episode 2 mit Henrik Schneider, Thomas Kunz und Kai Gronauer
